In der unglücklichen Schlacht bei Varna im Jahre 1444
hatten die Türken fast das ganze christliche Heer
aufgerieben. Unter den wenigen, die dem blutigen Gemetzel
entronnen waren, befand sich auch der Landsknecht Georg
Thalhammer. Nur der Schnelligkeit seiner Beine hatte er es
zu verdanken, dass ihm die Flucht in einen dichten Wald
gelang, wo er sich zunächst vor der Wut seiner Verfolger
sicher glaubte. Todmüde hatte er sich hinter ein dichtes
Gebüsch geworfen und überdachte seine Lage. Sie war
verzweifelt. Was sollte er in dieser furchtbaren Wildnis
beginnen? Würde er von den blutgierigen Feinden aufgespürt
werden, oder sollte es ihm vielleicht doch gelingen, die
Heimat wiederzusehen? Wie aber sich Nahrung und Obdach
verschaffen ohne Kenntnis der Landessprache, ohne Mittel,
fremd und geächtet? Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
schwankten seine Gedanken hin und her, aber immer
aussichtsloser schien ihm schließlich sein Schicksal zu
sein.
Da stand plötzlich ein unheimlich aussehender hagerer Mann
mit scharfer Hakennase und stechenden Augen vor ihm. Mit
raschem Griff fasste der Landsknecht nach seiner Waffe, um
sein Leben gegen den vermeintlichen Angreifer mit der
Schärfe des Schwertes zu verteidigen. Der Fremde aber rief
ihm zu: "Nur ruhig Blut, Geselle! Lass dein Schwert in der
Scheide. Du hast vor mir nichts zu befürchten. Ich will dir
im Gegenteil dazu verhelfen, ungefährdet in deine Heimat zu
entkommen, und dich dort so reich mit Geld und Gut bedenken,
dass du in Zukunft ein sorgloses, bequemes Leben führen
kannst. Dafür will ich nur einen geringen Gegendienst: nach
deinem Tod soll deine Seele mir gehören."
Neue Hoffnung regte sich im Herzen des biederen
Landsknechts, als er die ersten Worte des Bösen vernahm;
aber die letzte Bedingung seines unheimlichen Helfers
erfüllte ihn mit so tiefem Schrecken, dass er ausrief:
"Nein, nein, meine Seele verkaufe ich dir nicht; lieber will
ich alle Not ertragen, ja hier elend zugrunde gehen als
einen solchen Pakt abschließen." Vergebens suchte ihm der
Teufel die Heimkehr ins Vaterland und das schöne Leben, das
ihm dort winkte, in den lebhaftesten Farben auszumalen. Der
Landsknecht blieb hartnäckig bei seiner Weigerung. Da
beschloss der Teufel, gelindere Saiten aufzuziehen. Du wirst
mir aber trotzdem nicht entgehen, dachte er und sagte zu
Thalhammer: "Du sollst sehen, dass man mich zu Unrecht den
Bösen nennt. Ich will dir einen andern Vorschlag machen, der
dir besser gefallen wird." - "Und das wäre?" fragte der
andere. "Du darfst dich zum Dank für meine Hilfe durch drei
Jahre weder waschen noch kämmen, noch vom Schmutz reinigen,
auch nicht Haare und Nägel beschneiden, darfst auch nie die
Kleidung wechseln, sonst ist deine Seele mein. Im übrigen
aber kannst du essen und trinken, tun und lassen, was zu
willst; die Mittel dazu werde ich dir reichlich zur
Verfügung stellen."
Dieser Vorschlag dünkte Georg weit annehmbarer. Denn, dachte
er, habe ich während des ganzen Krieges oftmals ungepflegt
in Schmutz und Nässe viele Wochen und Monate verbracht, so
werde ich dieses Leben auch noch weitere drei Jahre zu
führen imstande sein.
Mit Handschlag wurde der Pakt besiegelt, und im Augenblick
sah sich Thalhammer nach Wien versetzt, nachdem der Teufel
noch rasch einen Bären gefangen und den Landsknecht in die
abgezogene Haut des Tieres gesteckt hatte. Sodann übergab er
ihm einen Beutel voll Gold mit dem Bedeuten, er könne davon
so viel verbrauchen, als er wolle, der Beutel werde niemals
leer werden. Schließlich ermahnte er seinen Schützling noch,
den Vertrag in allen Punkten getreulich zu erfüllen, und
verschwand.
Thalhammer hielt das Abkommen mit dem Bösen genau ein; er
wusch und kämmte sich nicht, ließ Haar und Bart wachsen und
ging stets in seine Bärenhaut gehüllt umher. Es war daher
auch kein Wunder, dass er nach wenigen Wochen so schmutzig
und verwildert aussah, daß fast nichts Menschliches mehr an
dieser langhaarigen, schmutzstarrenden Gestalt zu erkennen
war. Die Erwachsenen machten einen weiten Bogen um diesen
üblen, bärenhäutigen Gesellen, der jedermann mit Furcht und
Grauen erfüllte, und die Kinder wurden durch den Ruf: "Der
Bärenhäuter kommt" in Angst und Schrecken versetzt, so dass
sie schreiend flüchteten.
Wiewohl Thalhammer von seinen Feldzügen her an vieles
gewöhnt war, schien ihm sein Zustand anfangs unerträglich.
Doch mit der Zeit gewöhnte er sich an die Unreinlichkeit und
an das Aufsehen, das er mit seiner Bärenhaut überall
erregte. Da er mit Geldmitteln zur Genüge versehen war, ließ
er sich an Speise und Trank nichts abgehen, nahm in einer
alten Hütte in der Vorstadt Quartier und ließ auch seinen
Quartiergeber an seinem guten Leben teilhaben.
Seine seltsame Lebensweise, deren Grund die Leute nicht
kannten, brachte ihn bald in den Geruch eines Zauberers und
Wahrsagers; von allen Seiten strömten Menschen herbei, um
sich von ihm über allerlei Dinge Rat zu holen. Da er sich
bei seinen Ratschlägen auf seinen gesunden Menschenverstand
verließ, hatte er manche Erfolge aufzuweisen, was zur Hebung
seines Rufes noch beitrug.
So lebte Georg Thalhammer getreu seiner Abmachung mit dem
Satan, und dieser musste erkennen, dass er ein schlechtes
Geschäft mit dem Landsknecht abgeschlossen hatte. Aber er
hoffte, durch ihn auf andere Weise einen Profit zu machen.
Als das dritte Jahr zur Hälfte vergangen war, erschien er
eines Tages unvermutet bei dem Bärenhäuter und erklärte, er
wolle ihm den Rest der bedungenen Frist erlassen. "In kurzer
Zeit", sagte er, "wird ein reicher Wiener Bürger bei dir
vorsprechen, um sich deinen Rat in einer Hausstreitigkeit zu
holen. Du darfst ihm aber deine Hilfe nur unter der
Bedingung zusagen, dass er dir eine seiner drei Töchter zur
Frau gibt."
Der Böse unterrichtete ihn sodann über das, was er dem
Bürger zu sagen habe, und gab ihm neuerlich viel Geld, damit
er die Habgier des Bürgers reizen könne, wenn dieser
vielleicht an dem wüsten Aussehen des Bewerbers Anstoß
nehmen sollte. "Du kannst ihm getrost hunderttausend Dukaten
zusichern", meinte der Höllenfürst, "sie werden dir zur
Verfügung stehen."
Als nun am nächsten Tag der in Aussicht gestellte Besuch
wirklich erschien und gegen Geld und gute Worte den Rat des
Bärenhäuters erbat, ging dieser ganz nach den Weisungen
seines teuflischen Ratgebers vor und erklärte: "Ich kann
dich wohl beraten, doch tue ich dies nicht gegen Geld; denn
davon habe ich selbst genug. Wenn du willst, kann ich dir
mit etlichen tausend Dukaten noch aushelfen, mir kommt es
nicht darauf an. Meinen Rat aber kann ich dir nur unter der
Bedingung geben, dass du mir eine deiner Töchter zur Frau
gibst. Wenn dich aber etwa mein übles Aussehen stören
sollte, so lass dir gesagt sein, dass dies nur ein kleiner
Nachteil ist, der reichlich dadurch aufgewogen wird, dass
ich deine Tochter zur reichsten Frau im Lande machen kann."
Der Bürger war durch diesen Antrag aufs höchste überrascht,
auch stieß ihn die Hässlichkeit des Bewerbers ab; aber sein
Geiz trug schließlich über alle Bedenken den Sieg davon, und
er sagte dem Bärenhäuter die Hand jener Tochter zu, die ihn
freiwillig wählen würde.
Nachdem sie so handelseins geworden waren, erhielt der
Bürger die gewünschte Auskunft und entfernte sich wieder.
Thalhammer aber erschien schon am nächsten Tag in der ganzen
Scheußlichkeit seines Aufzuges im Haus des Bürgers, um eines
der Mädchen zu freien. Seine schmutzstarrende Hässlichkeit
erregte bei allen drei Töchtern des Hausherrn tiefe,
ungeteilte Abscheu; die beiden älteren weigerten sich
entschieden, eine Verbindung mit diesem unflätigen Ungetüm
einzugehen. Nur die jüngste Tochter gab endlich, durch
vieles Zureden ihres Vaters bewogen, ihre Zustimmung zur Ehe
mit dem Bärenhäuter. Die Hochzeit sollte innerhalb
Monatsfrist stattfinden.
Während im Hause der nicht gerade glücklichen Braut alle
Vorbereitungen zur Feier getroffen wurden, änderte
Thalhammer nichts an seinem Aussehen und bot mit seinem
schmierigen Äußeren, dem verfilzten Haar und Bart und dem
schmutzigen Bärenfell alles eher als das Bild eines
festlichen Bräutigams.
Da stellte sich in der Morgenfrühe des Vermählungstages
Meister Urian bei ihm ein und sagte: "Nun ist es aber
höchste Zeit, dass du dich deiner Braut in einem andern
Aufzug als bisher präsentierst."
Er führte ihn zu einem Bach, wusch ihn gründlich ab und rieb
ihn mit wohlriechenden Essenzen ein. Dann befahl er ihm, in
die Stadt zu eilen und sich einen neuen Anzug sowie Wagen
und Pferde zu kaufen, Dienerschaft aufzunehmen und in
höchstem Staat beim Haus der Braut vorzufahren, um sie zur
Hochzeit abzuholen. Thalhammer führte alles aus, was ihm der
Teufel aufgetragen hatte. Höchstes Aufsehen entstand, als
plötzlich am Haus der Braut eine prächtige Karosse vorfuhr,
der ein feingekleideter vornehmer Herr entstieg, in dem kein
Mensch den Bärenhäuter erkannt hätte.
Je mehr sich die Braut über diese unvermutete Verwandlung
ihres Bräutigams freute, desto größer wurden der Ärger und
die Betrübnis der beiden andern Schwestern. Sie verwünschten
ihre Verblendung und verfielen schließlich in Trübsinn, der
unter den bösen Einflüsterungen des Teufels mit dem
Selbstmord der beiden endete. So hatte der Satan zuletzt
doch noch ein gutes Geschäft gemacht.
Georg Thalhammer aber lebte mit seiner schönen Frau noch
lange Jahre in Glück und Zufriedenheit in dem Haus am
Lugeck, das seit diese Zeit "Zum schwarzen Bären" genannt
wurde.
Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 44. Bilder: gemeinfrei
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