Person - Rudolf Hawel
Rudolf Hawel (* 19. April 1860 in Wien, Kaisertum Österreich; † 23. November 1923 ebenda, Bestattungsdatum: 13. März 1924) war ein österreichischer Schriftsteller.
Nach schwerer Jugend wurde Hawel Volksschullehrer in Wien. Er schrieb unter anderem Gedichte, Erzählungen, Romane und Dramen.
Hawel war ein volkstümlich-realistischer Erzähler und herausragender Vertreter des Wiener Volksstücks,
der in seinen Werken Humor mit Sozialkritik zu verbinden wusste.
Er ruht in einem Ehrengrab auf dem
Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32 C, Nummer 4).
Werke:
Märchen für große Kinder (1900)
Mutter Sorge, Theaterstück (1902)
Frieden, Legende in drei Bildern (Theaterstück), Uraufführung Deutsches Volkstheater, 10. Dezember 1902
Die Politiker, Komödie (1904)
Kleine Leute, Roman (1904)
Fremde Leut, Theaterstück (1905)
Erben des Elends, Roman (1906)
Der Naturpark, Theaterstück (1906)
Heimchen im Hause, Theaterstück (1907)
Im Reich der Homunkuliden, Roman (1910)
Dr. Thorns Lebensabend, Roman
Neues Wiener Journal vom 23.12.1924, Seite 6:
Der Dichter reicht ein Stück ein...
Eine Erinnerung an Rudolf Hawel.
Von C. M.
In der letzter Zeit war einige Male vom toten Rudolf
Hawel die Rede. Freunde möchten ihm gern ein bescheidenes
Denkmal errichten und zugleich hört man, daß seine Hinterbliebenen,
eine fast siebzigjährige Frau und die gelähmte Tochter Hawels,
ihr Dasein knapp am Rand der äußersten Not fristen müssen.
„Frau Sorge" wirkt noch über den Tod ihres Dichters hinaus;
der grüne Zweig, aus den der arme Hawel nie zu kommen vermochte,
bleibt auch den überlebenden treuesten Gefährten seiner
glücklosen Tage versagt. Und so habe ich mir, als ich die Werbeschrift
des Rudolf-Hawel-Denkmalkomitees las, sehr lebhaft die
boshaften Glossen vorzustellen vermocht, mit denen Hawel
— vegetierte er noch in seinem dürftigen Ardeitskabinett in der
Gentzgasse — zu seiner Denkmalfähigkeit Stellung genommen
hätte. Eine ruhige, sorgen- und schmerzenfreie Stunde am Vorstadtstammtisch
war dem von jahrelangem Siechtum geplagten Mann
immer lieber als der Schwindel einer Unsterblichkeit, von der
„man nix abbeißen kann" — seine eigenen Worte.
Nun kommt die Exl-Bühne dem geschwächten Erinnerungsvermögen
Wiens an einen wienerischen Dichter zu Hilfe und will,
zunächst am Nachmiltag des zweiten Weihnachtsfeiertages, Rudolf
Hawels »Reichen Aehnl" wieder ins Repertoire aufnehmen. Das
Reinergebnis soll den Hinterbliebenen Hawels als Weihnachtsgeschenk
zukommen, es wäre also recht dringend zu wünschen, daß
das Haus an diesem Nachmittag ausverkauft sein und der Erfolg
den Exl-Leuten Mut machen würde, das Stück dann auch an
einigen Abenden wieder geben zu können.
Uebrigens ist die Geschichte dieser Hawel-Komödie von
Anfang an mit den Leuten der Exl-Bühne verbunden. Im selben
Hause aus der Nußdorferstrasse — damals der Volksbühne Artur
Rundis — ist der »Reiche Aehnl" bei einem sommerlichen Exl-Gastspiel
zur Welt gekommen.
Ferdinand Exl erinnert sich noch gut dieses Gastspiels vor
nun zehn Jahren, im Frühsommer 1914. Damals lernte er
Rudolf Hawel kennen. Er kam von seiner nahen Gentzgasse gern
zu den Vorstellungen der Tiroler Bauern hinüber, wurde ihr
Stammgast and die persönliche Bekanntschaft ergab sich bald von
selbst. Manchen Abend nach den Vorstellungen saß Rudolf Hawel
mit seinen neuen Freunden, dem Direktor Exl, seiner schönen
Frau Anna und den Mitspielern, beim geliebten Glas Bier in
einem vorstädtisch einfachen Wirtshaus. Hawels Laune war nicht
rosig, er hatte so überhaupt nicht das Talent, mit Gott
und der Welt versöhnt an eine rosige Zukunft zu glauben —
außerdem hatte er gerade damals nicht den allergeringsten
Anlaß, gut aufgelegt zu sein. Zehn Jahre war es her,
wie er den Freunden erzählte, daß er sein letztes
Stück, dir 1904 im Raimund-Theater aufgeführten
»Politiker", geschrieben hatte. In diesem Stück halte sich
Hawel bekanntlich — genutzt hat ee dem städtischen Lehrer nicht,
aber sehr geschadet — seinen ganzen Aerger über eine Disziplinäruntersuchung,
in die man ihn gezogen hatte, von der Seele
geschrieben. Oft sprach er mit Exl über diese Affäre, die ihm die
Lust am Schreiben völlig genommen hatte. Seit 1879 war er
Volksschullehrer in Wien. Kummer und Sorge kannte er von
Jugend auf als ständigen Gast im Hause, und sein Dichten brachte
ihm weder den dringend nötigen materiellen Erfolg noch auch die
Anerkennung, die ihm von seiten der Wiener wohl gebührt hätte.
Hawel mit seiner etwas rabiaten Gemütsverfassung war nun aber
zu allem Unglück auch nicht der Manu, der sich vor seinen Vorgesetzten
und ihrer klerikalen Ideologie geduckt hätte, wie dies
einem kleinen Wiener Volkscchullehrer in jenen Zeiten sehr nützlich
gewesen wäre. So zögerte er nicht, in dem Ende der neunziger
Jahre von den Klerikalen entfesselden Kampf um das
Reichsvolksschulgesetz eine für ihn sehr verhängnisvolle Oppositionsstellung
einzunehmen. Der Niederschlag dieser politischen Stellungnahme
eines anständgen, freiheitlich gesinnten Dichters waren
eben die „Politiker". Man hatte ihn wegen einer beim „Grünen
Baum" gehaltenen Rede, in der er, ohne sich ein Blatt vor den
Mund zu nehmen, gegen die Klerikalisierimg der Schule sprach,
in ein Disziplinarverfahren verwickelt. Zunächst erhielt er einen
Verweis vom Landesschulrat, und da die Rache bekanntlich kalt
genossen werden muß, bestrafte man den mißliebig Gewordenen
noch sieben volle Jahre nach seinem politischen Sündenfall mit
einer Versetzung von der ersten in die dritte Gehaltsstufe.
Dieser Aerger wäre zu verschmerzen gewesen, wenn Hawel
als Dichter etwas mehr Anerkennung und vor allem Förderung
gefunden hätte. Genau das Gegenteil war der Fall, wie er erzählte.
Bald nach den „Politikern" intressierte sich das Deutsche
Volksthealer flüchtig für ihn und brachte seine „Fremden Leut'" zur
Aufführung. Der Erfolg blieb nicht aus, trotzdem wurde das Stück
bald wieder abgesetzt; und ein späterer Einfall der Direktion, ausgerechnet
Hawel zur Verfassung eines Gelegenheitsstückes zum
Franz-Josef-Jubiläum einzuladen, bescherte dem Dichter nur
neuen Aeger. Das von ihm geschriebene Stück wurde von der
Zensur verboten.
Seilher rührte er die Feder überhaupt nicht mehr an und
die Exl-Leute lernten Rudolf Hawel als gründlich Verbitterten, mit
allen möglichen Leuten und halb auch mit sich selbst Zerfallenen
kennen. Exl übernahm es, den Dichter zu fragen, ob er denn
nicht für ihn und seine Truppe etwas schreiben wolle. Hawel
lehnte sofort ab, ee fehlte nicht viel daß er grob geworden wäre.
Aber Ferdinand Exl, der auch nicht gerade aus weichem Holz
geschnitzt ist, ließ sich nicht abschrecken. Man saß Abend für Abend
im Wirtshaus zusammen; man brachte Hawel dazu, auch zu
Proben ins Theater zu kommen. Er atmete nach langer
Zeit wieder einmal richtige Theaterluft und das Ergebnis
war, daß ereines Tages einen Boten mit einem Zettel zu
Exl schickte. Darauf stand, daß ihm ein »Stoff" eingefallen
wäre, und nachdem man ihn abends genügend bestürmt
hatte, diesen Stoff nicht wieder unter den Wirtshaustisch fallen
zu lassern, ging er schimpfend und räsonierend heim, setzte sich an
seinen kleinen Schreibtisch, zündete die Petroleumlampe an und
schrieb noch in der Nacht die ersten Szenen des »Reichen Aehnl".
Am nächsten Tag kam er damit schon ins Theater, und so,
zettelweise, setzte sich der kluge Exl innerhalb von vierzehn Tagen
in den Besitz der von Hawel halb mit neu erwachter Schaffenslust,
halb mit Brummen und Aerger geschriebenen Komödie. Die
Manuskriptzettel wurden in der Theaterkanziei gleich ins reine
geschrieben und gar nicht mehr zurückgegeben, da bei der Verstimmung
und Hoffnungslosigkeit Hawels noch immer damit gerechnet werden mußte,
daß er das Manuskript noch vor dem letzten Abschluß zerreißen würde.
So kam er ungefährdet bis zu diesem letzten Aktschluß,
man konnte gleich mit den Proben beginnen, zu denen Hawel
übrigens ganz gern, wenn auch vorderhand bloß neugierig, erschien.
Die Sache begann ihm Spaß zu machen, er änderte noch eine
Menge bei diesen Proben, und erst bei der Aufführung kam die
alte Mutlosigkeit und Verzagtheit wieder mit aller Gewalt über
ihn. Mit bleichem Gesicht stand er hinter den Kulissen und erst,
als der nach dem ersten Akt freundliche Beifall nach Ende des
zweiten gerabezu stürmisch wurde, begab er sich glücklich, wie
man ihn nie gesehen hatte, im Zwischenakt hinunter
ins Parkett, um sich von den dort sitzenden Freunden
zu dem großen Erfolg Glück wünschen zu lassen.
Nach dem letzten Fallen des Vorhangs stand er tränenüberströmt
unter den Darstellern und mußte sich immer und immer wieder
dem Publikum zeigen. Der „Reiche Aehnl" machte bei den Exl-Leuten
eine Reihe voller Häuser, nach ihrem Weggehen bewarb
sich sofort das Volksthealer um Ueberlassung des Stückes und
man konnte es Hawel schließlich nicht verargen, daß er, nicht
gerade zum Vergnügen seines Freundes Exl, die Einwilligung zu
einer Aufnahme der Komödie ins Volksthealerrepertoire gab. Der Erfolg
blieb auch an der Bellaria nicht aus, aber ständig hielt sich der
„Reiche Aehnl" eigentlich doch nur bei Ferdinand Exl, der das Stück
jahrelang aus seinen österreichischen und deutschen Gastspielreisen
im Repertoire zu halten vermochte. Hawel schritt nun mit neuem
Mut ans Schaffen, er schien wieder Vertrauen zum Theater und
zu sich selbst gefaßt zu haben, ein größerer Erfolg war ihm aber
eigentlich nicht mehr beschieden, und noch heute harrt sein letztes
Stück „Sommelnarren" einer Aufführung.
Neuigkeits-Welt-Blatt (Provinz-Ausgabe/Land-Ausgabe) vom 15.9.1938, Seite 17:
Die Witwe Hawels am Wege in die Herzstation gestorben.
Die 73jährige Pensionistin Luise Hawel,
18. Bezirk,
Gentzgasse 54, die seit 15 Jahren schwer herzleideud
war, ist Montag abends auf dem Wege in die Herzstation
plötzlich tot auf der Straße zusammengestürzt.
Luise Hawel war die Witwe nach dem bekannten
Volksschriftsteller Rudolf Hawel.
Das kleine Volksblatt vom 16.9.1938, Seite 10:
Die Witwe des verstorbenen Wiener Volksdichters
Rudolf Hawel, Frau Luise Hawel,
verschied am 12. d. Die Beerdigung findet
heute Freitag um 15.50 Uhr aus dem
Zentralfriedhof,
2. Tor, statt. Die Tote wird im
Ehrengrab ihres Gatten beigesetzt.
Weiters im Grab bestattet:
Louise (Luise) Hawel, * 05.11.1865, † 12.09.1938, Bestattungsdatum: 16.09.1938, 18., Gentzgasse 54
Grete Furtlehner, * 27.04.1888, † 1943, Bestattungsdatum: 07.08.1943
Quelle: Dieser Text basiert auf dem Artikel
Rudolf_Hawel aus der freien Enzyklopädie
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Bilder: www.nikles.net, Illustrirte Rundschau, Nr. 4, 1. Februar 1901, Seite 2, Neues Wiener Journal vom 23.12.1924, Seite 6, Neuigkeits-Welt-Blatt (Provinz-Ausgabe/Land-Ausgabe) vom 15.9.1938, Seite 17, Das kleine Volksblatt vom 16.9.1938, Seite 10.